Arbeitskreis Mensch und Tier im Ruhrgebiet

Der Arbeitskreis „Mensch und Tier im Ruhrgebiet“ ist ein Zusammenschluss von Museen des Ruhrgebiets und des KWI und beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Menschen und Tieren aus historischer, soziologischer, künstlerischer und anthropologischer Perspektive.

Themenschwerpunkte sind u.a. die Praktiken der Tiernutzung, also etwa die Bedeutung von Tieren in Transport und Verkehr, in Landwirtschaft und Bergbau, in Ernährung und Konsum, im Krieg sowie in urbanen Milieus. Es geht aber auch um die Formen tiervermittelter Interaktion und Vergemeinschaftung, die sich in der Gesellschaft des Ruhrgebiets zwischen Menschen und Tieren entwickelt haben. Dies betrifft z.B. das tierbezogene Vereinswesen, das sich um Sporttiere wie Brieftauben, um Pferde- und Hunderennen sowie um das verzweigte Ausstellungs- und Messewesen der Kleintierzuchtverbände herum entwickelt hat. Tiere fungieren dabei auch als wichtige Medien der Interkulturalität und der sozialen Integration in der Migrationsgeschichte des Ruhrgebiets. Einen weiteren Themenschwerpunkt bildet die emotionale Bedeutung von Tieren, womit die Geschichte der Haus- und Gefährtentiere, der Tierliebe und des Tierschutzes, aber auch die lebensweltliche Rolle von Kuscheltieren und Tieren als Spielfiguren für Kinder in den Blick kommt. Zudem wird die Geschichte der Repräsentation und Ästhetisierung von Tieren, wie sie in Kunst, Literatur, Photographie, Film, Wissenschaft, Denkmalskultur und elektronischen Medien wie YouTube stattfindet, untersucht. Auch die Historie der Tierausstellungen des Ruhrgebiets, die öffentliche Inszenierung von Tieren in Zoos, aber auch der Luxuskonsum von Tieren in Form von Delikatessen sollen hier thematisch aufgegriffen werden. Ein weiteres Thema ist die globale Ausbeutung und Nutzung von Tieren für den Bereich von Kleidung. Das Spektrum reicht von alltäglichen Produkten wie Wolle, Leder und Horn etc. (von Haustieren) bis zu den (exotischen) Luxusprodukten (Pelz, Federn, Perlen, Korallen, Kroko etc.). Schließlich widmet sich der Arbeitskreis auch der Geschichte der Wildtiere in einer urbanisierten und industrialisierten Region. Dabei geht es um Aspekte wie das Aussterben und die Wiederkehr von Wildtieren, um die Geschichte der Jagd, um die Rolle von Industriebrachen und Wohnquartieren bei der Wiederansiedlung von Arten sowie schließlich um die sich wandelnde kulturelle Wahrnehmung von Wildtieren im Ruhrgebiet als Naturlandschaft.

Im Frühjahr 2018 eröffnete die Tagung des Kulturwissenschaftlichen Instituts unter der Fragestellung „Brauchen die Kulturwissenschaften einen Animal Turn? – Theoretische Grundlagen und konzeptionelle Probleme der Human-Animal-Studies“ den wissenschaftlichen Schwerpunkt des Arbeitskreises. Ein aus dieser Tagung hervorgehender Band wird Anfang 2020 im Stuttgarter Verlag J.B. Metzler unter dem Titel „Menschen und Tiere. Grundlagen und Herausforderungen der Human-Animal Studies“ erscheinen. In ihm werden aktuelle Entwicklungen und wichtige Debatten im Rahmen dieses noch relativ jungen kulturwissenschaftlichen Forschungsfeldes aufgearbeitet und dargelegt.

Das Programm des Arbeitskreises umfasst zudem die Realisierung einer Ausstellung im Ruhr Museum auf Zeche Zollverein sowie weiterer Ausstellungen in der Zeche Hannover in Bochum, in der Textilfabrik Cromford und an weiteren Standorten der Industriemuseen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe und des Landschaftsverbandes Rheinland. Flankiert werden die Ausstellungen von einem wissenschaftlichen Tagungs- und Publikationsprogramm am KWI in Essen und der beteiligten Museen. Mit der Kombination geisteswissenschaftlicher Theorie, kultureller Praxis und kunsthistorischer Expertise des Museum Folkwang will der Arbeitskreis ein noch junges kulturwissenschaftliches Forschungsfeld, die Human-Animal Studies“, kartieren und zugleich einen bedeutenden, bisher noch unerforschten Teil der Geschichte des Ruhrgebiets aufarbeiten.

In Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis „Mensch und Tier im Ruhrgebiet“ wurde am 7. Juli 2019 die Sonderausstellung „Mensch und Tier im Revier“ im Ruhr Museum in Essen eröffnet. Mit über 100 Objekten thematisiert die Ausstellung das ambivalente Verhältnis zwischen Menschen und Tieren, das insbesondere in der Gegenwart gleichermaßen von Ausbeutung und Zuneigung geprägt ist. In mehreren Abteilungen, von der Pfeilspitze aus der Steinzeit bis zum „Ehrenpreis für das beste Euter“ für Ziegenzüchter*innen der Gegenwart, wird über das Töten, Ausbeuten, Vermenschlichen und Lieben von Tieren reflektiert. Zahlreiche Exponate stammen aus dem historischen Kontext des Ruhrgebiets, gehen aber weit über die typischen Bilder von Grubenpferd und „Taubenvater“ hinaus. Andere veranschaulichen den Stellenwert von Tieren in Politik, Religion und Wissenschaft, thematisieren u.a. Tierexperimente, Tierzucht und Tierforschung. Die Ausstellung ist vom 8. Juli 2019 bis zum 25. Februar 2020 im Ruhr Museum zu sehen. Zur Eröffnung der Ausstellung liegt ein entsprechender Katalog im Klartext Verlag vor. Ergänzt wird die Ausstellung durch ein wissenschaftliches Begleitprogramm und die Schau „Beste Freunde!? Geschichten von Mensch und Tier rund um Zollverein“, die Fotografien von Menschen und ihren Tieren aus dem Essener Norden zeigt und vom 6. September 2019 bis zum 25. Februar 2020 in der Kohlenwäsche (Rundeindicker) zu sehen sein wird.
Weitere Informationen unter www.ruhrmuseum.de

Ab dem 27. März 2020 bis zum 25. Oktober 2020 zeigt eine Ausstellung des LWL-Industriemuseum weitere Perspektiven auf das Thema. Unter dem Titel „Boten, Helfer und Gefährten. Beziehungen von Mensch und Tier im Wandel“ thematisiert das LWL-Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum neben den alltäglichen Mensch-Tier-Erfahrungen im historischen Wandel auch mit der Zuschreibung von Tieren in gesellschaftlichen Ordnungen in der Gegenwart. Dabei nimmt es z.B. das „Pferdemädchen“ als eine jugendkulturelle Figur oder die Biene als Symbol eines veränderten Umweltbewusstseins in den Blick.  Die Ausstellung wird an weiteren Standorten des LWL-Industriemuseums gezeigt werden.
Weitere Informationen unter www.lwl.org/industriemuseum

Im Anschluss an diese Ausstellung wird die Textilfabrik Cromford von September 2020 bis Frühjahr 2021 eine Schau zum Thema „Modische Raubzüge durch die Tierwelt. Mensch und Tier in der Mode“ präsentieren, in der die Bedeutung von Tieren als Lieferanten von Konsum- und Luxusartikeln, als Statussymbole, als Ausdruck von Standeszugehörigkeit und als ökologischer Faktor veranschaulicht wird. Die Ausstellung wird anschließend an den LVR-Standorten Euskirchen und Engelskirchen zu sehen sein.
Weitere Informationen unter www.industriemuseum.lvr.de

Begleitend zu den Ausstellungen und den museumspädagogischen Angeboten wird sich ein Veranstaltungsprogramm mit Vorträgen, Diskussionen, Filmabend und Lesungen an verschiedenen Veranstaltungsorten den vielfältigen Themenfeldern der Mensch-Tier-Beziehung widmen. So wird u.a. das Kulturwissenschaftliche Institut in Kooperation mit der Buchhandlung Proust Lesungen mit dem Thema „Nature Writing“ anbieten und im Filmstudio Glückauf eine Veranstaltung zum Thema „Menschen filmen Tiere: Zum Wandel von Ängsten und Wünschen im 20. Jahrhundert“ ausrichten.
Eine Gesamtübersicht der Veranstaltungen des Arbeitskreises liegt seit Herbst 2019 vor (Flyer).


Veranstaltungen
Hier finden Sie Termine des Arbeitskreises „Mensch und Tier im Ruhrgebiet“, die das KWI ausrichtet.


Publikationen
2016: Menschen und Tiere – Ein Forschungsbericht von Friedrich Jaeger

2019: Mensch und Tier im Revier, hrsg. v. Heinrich Theodor Grütter und Ulrike Stottrop, Essen: Klartext Verlag 2019.

2019: Beste Freunde!? Geschichten von Mensch und Tier rund um Zollverein, hrsg. v. Stiftung Zollverein, Essen: Klartext Verlag 2019.

2020: Menschen und Tiere – Theoretische Grundlagen und konzeptionelle Herausforderungen der Human-Animal Studies, hrsg. v. Friedrich Jaeger, Stuttgart: Metzler 2020.

2020: Boten, Helfer und Gefährten. Beziehungen von Mensch und Tier im Wandel, hrsg. v. Dietmar Osses und Lisa Weißmann, Essen: Klartext Verlag 2020.

2020: Modische Raubzüge durch die Tierwelt, hrsg. v. LVR-Industriemuseum, Textilfabrik Cromford, 2020.


Rückblick
Im März 2018: Tagung „Brauchen die Kulturwissenschaften einen Animal Turn? Theoretische Grundlagen und konzeptionelle Probleme der Human-Animal-Studies“

Auftaktworkshop am 08.12.2016